09.10.2010

Lektion 16: Der trockene Martini



Zu den unterhaltsamsten Künstler-Autobiographien zählen die Lebenserinnerungen des spanischen Regisseurs Luis Buñuel: "Mein letzter Seufzer". Kein "Wie-ich-Filme-machte"-Langweiler, sondern Weisheiten und Savoir Vivre pur. Bemerkenswert zum Beispiel die Reflexionen über den Verlust der eigenen Libido, von dem alternden Buñuel offenbar herbeigesehnt wie eine Art der Befreiung. Nach dem die sexuelle Lust ausgebrannt ist, widmet er sich fortan seiner zweiten großen Leidenschaft - dem Martini-Cocktail. Was ihn keinesfalls gleich zu einem Trinker macht - zwei Stück pro Tag sind genug. Die wollen jedoch sorgfältig zubereitet sein... Diese Passagen sind kapitelfüllend.

"Wie" man den Drink zubereitet, darüber ist freilich genug geschrieben worden. Allerdings, wie man über dieses "wie" trefflich streiten und diskutieren kann, das zeigt Buñuel in einer Sequenz seines in gewohnt surrealer Manier geschaffenen Films "Der diskrete Charme der Bourgeoisie": Wieder einmal wartet die Gesellschaft der sechs Protagonisten auf das gemeinsame Diner. Monsieur Thévenot bereitet derweil Martini-Cocktails zu: "Chèrie, so wie du ihn trinkst, so war er einmal in den 30er Jahren in New York Mode, aber ich mag ihn lieber so - mit einem Spritzer Pernod."

Schließlich muß auch noch Maurice, der Chauffeur, für eine Demonstration herhalten. Der arme Tor bedankt sich artig für die Einladung, stürzt den Dry Martini dann aber hinunter ohne abzusetzen. Verhaltensstudien: "Habt ihr es gesehen? DAS war das typische Beispiel, wie man einen trockenen Martini NICHT trinken sollte!" Madame Thévenot jedoch entschuldigt den Proleten: "Er ist ein Mann aus dem Volke, er hat nun mal keine Kinderstube!" Tja, heute sagte man wohl: dumm gelaufen.


Übrigens: besonders im angelsächsischen Raum macht es Spaß, den Martini als "Montgomery" zu bestellen, benannt nach dem britischen General im Zweiten Weltkrieg Sir Bernard Law Montgomery. Man sagte ihm nach, daß er erst dann seinen Widersacher, den deutschen "Wüstenfuchs" General Rommel, wagte anzugreifen, wenn seine Truppen denen der Wehrmacht 15:1 überlegen waren. In Harry's Bar in Venedig, wo der "Montgomery" erfunden wurde, beschränkt man sich auf ein Mischungsverhältnis von 10 Teilen Gin zu 1 Teil Vermouth. Das ist also nachgerade schmeichelhaft für den ängstlichen General, aber immer noch ein harter Drink für jeden Martini-Fan. Salute!

10.09.2010

Lektion 14: Coming down is the hardest part

Die legendäre plane-crash Schlußszene aus Peter Weir's Film Fearless. Musik: "Polymorphia"
von Krzysztof Penderecki
.

05.09.2010

Lektion 13: Schuhputzer

Club Salon Baba
L'art du cirage et du glaçage  

Oft wird vergessen, daß die Dienstleistung am Gentleman ja auch immer ein Akt der Kommunikation ist, oder sollte man besser sagen: war. Mit meinem Barbier kann ich mich nicht unterhalten. Er spricht nur türkisch. Immerhin: wenn ich mich bei der kitzligen Massage der Halspartie krümme und winde, lächelt er leise mit. 

In der Heimat des Gentleman mag das hie und da noch etwas anders sein. Im The Connaught (dem besten Hotel Londons - wer das Gegenteil behauptet ist blöd) wird der Gang zum Klo zum Vergnügen. Denn auf dem stillen Örtchen hinter der Lobby wartet das vertraute Gesicht eines in Ehren gealterten, nun..., sagen wir mal: "Facility Managers" - wie es heute wohl heißen muß. 

Der livrierte Schwarze reicht das Frottée. Und die sich anschließende Diskussion, Tropfen welchen Eau de Toilettes er seinem Gast wohl in den Nacken sprühen dürfe, gehört zu den vergnüglichsten Momenten des Tages.
The Connaught Hotel
Ein paar Schritte weiter östlich in diesem wunderbaren Mayfair, in der Burlington Arcade, sitzt ein Schuhputzer - mehr als Deko denn als Service, übrig geblieben von einem ganzen Heer dienstbarer Geister, die früher - so wird erzählt - mit Wichse und Bürste durchs borough wieselten. Immerhin: der hier macht seine Sache gut - für 3 Pfund. Doch ist dies nur noch ein Abgesang. Wie ja die ganze Arkade im Grunde genommen nur noch Zierart und Folklore ist. Für die hier angebotenen Produkte und Dienstleistungen gibt es eigentlich keinen messbaren Markt mehr. Vis-à-vis vor dem Flagship von Abercombie&Fitch versuchen zwei muskelbepackte Türsteher die Massen zu bändigen... Heute will halt jeder nur noch ein Leibchen, auf dem steht: "A.F.".

Das Aussterben bedrohter Servicearten ein wenig hinauszuschieben, das hat sich ein senegalesischer Dipolomatensohn aus Paris auf die Fahnen geschrieben. Papa "Baba" Conrad Sarr. Und er geht sogar noch weiter, er kehrt den fatalen Trend um! Sein Schuhputzladen, der mit Devotionalien vollgepfropfte, wie der Schrein eines Dandys eingerichtete Club Salon Baba in einer Querstraße der Champs-Eylsées, ist der exklusivste und charmanteste hot spot des gesamten 8. Arrondissement. Le plus cool. 

Zunächst einmal: Das Handwerk wird hier zelebriert wie eine Kunstform. Und so nennt Baba es auch: l'art du cirage et du glaçage. Mit seiner geheim gehaltenen Technik, die er nur noch an seine gazellenhafte Assistentin und Freundin weitergegeben hat, bringt er Schuhe derart zum Glänzen und Strahlen, daß es eine Wonne ist. Das dauert mitunter aber auch schon mal bis zu 20 Minuten - kostet aber immer nur 10 Euro, und wenn man lieb ist, versteht sich der Preis sogar inklusive Espresso oder Champagner. Und lieb sind hier die meisten, denn dieser schöne, warmherzige, freundliche Mensch, der noch in Sneakers Eleganz ausstrahlt, versammelt die feinsten Exemplare der jeunesse dorée in seinem kleinen Schuhputzlädchen. Es ist wie in einem Taubenschlag, bloß daß hier fast ausschließlich der Typ Paradiesvogel zur Tür hineinflattert, darunter zur Hälfte Weibchen.

Man spricht über Neuigkeiten aus dem Quartier, über Reisen, die schönen Künste, Afrika, Martin Luther King... und über Schuhe! Mit einem Billigfabrikat oder gar einem Loch in der Sohle sollte man den Club Salon Baba tunlichst nicht aufsuchen, denn um sich zu blamieren, gibt es bestimmt bessere Orte als diesen Hort lässiger Kultiviertheit und selbstverständichen Stils. 34 rue Jean Mermoz. Grüße bitte!

Babas Gästebuch: Frankreichs Jeunesse Dorée

Eine schöne Reportage über den Club Salon, der ich dieses Foto entnommen habe, gibt es auch hier: De Jeunes Gens Modernes.

Der Stilbestimmer trägt beim Schuhputzer: Schuhe von Alden, Strümpfe von Sozzi, Hose von Valentini, Hemd von Barba, Sakko von Cesare Attolini.

03.09.2010

Lektion 12: Es wird Nacht, Senorita


Der Udo und ich. Da paßte früher allerhöchstens
die Schwarzhaarige im weißen Bikinioberteil dazwischen.

Als Sproß alter Wörthersee-Fahrer - schon seit den 60ern - kennt man Udo natürlich von Kindesbeinen. Denn in Kärnten im Allgemeinen und am Wörthersee im Besonderen ist der Klagenfurter Sohn seit jeher omnipräsent und wird dort verehrt wie eine Gottheit. Und das darf man durchaus wörtlich nehmen...

Später hieß man uns in der Diskothek Drop In im Hotel Schloß Seefels in Pörtschach, für einige Nächte den besten Tisch (den einzigen im Eingangsbereich) zu teilen. Der Superstar mit Anhang und der junge Schnösel und Piefke mit Anhang. Das war bestimmt nicht schön für den Chansonnier (sehnte er sich damals womöglich erstmals, "ich war noch niemals in New York"?)...

Wieder einige Jahre später sprang meine Begleiterin Niki barbusig in die Wörthersee-Wasser, ausgerechnt als Udo in seinem Boesch-Boot (ein Mittelklassefabrikat vom Zürichsee) gerade am Steg unseres Hotels in Maria Wörth festmachen wollte und prompt fragte: "Ist das deine Freundin?" - "Ja", antwortete ich nicht ohne Stolz. Daraufhin er nur: "ex!". Show-Business... Natürlich blieb alles beim Status Quo. Der Barde wagte es nicht einmal.

Wir stellen also fest: in "Es wird Nacht Senorita" spielt der eigentlich schüchterne Udo Jürgens nur eine Rolle. Es gehört sich ja auch nicht wirklich, so frech und vorwitzig zu sein wie der Wanderer ohne Quartier in dem Lied... Oder doch?

27.08.2010

Lektion 10: Rue Montorgueil



DIE Straße im ehemaligen Hallenviertel von Paris, das ja einst nicht nur "der Bauch" der Stadt, sondern auch das Rotlicht-Quartier war. Billy Wilder siedelte deshalb die Story zu seiner Irma la Douce mit Shirley MacLaine genau hier an. Die Rue Montorgueil durchquert das 2. Arrondissement von dem häßlichen 80er-Jahre Shopping-Komplex Les Halles durch das hot&coole Boutiquen- und Kneipenviertel an der Rue Etienne Marcel bis hinauf zur noch immer roten Meile...

Einmal holten wir - allein gelassen und gelangweilt - zur blauen Stunde im Hôtel Victoires Opéra 
(56 rue Montorgueil) in einem Zimmer mit dem begehrten street-view die Videokamera heraus und ließen die digitalen Blicke schweifen. Street Life.

26.08.2010

Lektion 9: Privatschule

New York City. Das ist das Waldorf-Astoria Hotel. Eines der luxuriösesten Hotels der Welt. Es hat sogar einen eigenen „geheimen“ Bahnsteig als Verlängerung des benachbarten Grand Central Terminal, New Yorks Hauptbahnhof. Eingerichtet wurde diese Plattform für Franklin D. Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten von 1933 bis zu seinem Tod 1945, der seinen Zug immer direkt unter „das Waldorf“ fahren ließ, wenn er in der Stadt war. Von dort ging es mit einem privaten Lift in die Präsidentensuite. Warum diese Scheu vor der Öffentlichkeit? Nun, Roosevelt war behindert, er saß seit seiner Kinderlähmung im Rollstuhl. In der Zeit vor Fernsehen, Internet und bunten Klatschblättern wußten das aber nur wenige Amerikaner und so sollte es auch bleiben. Der Präsident, der sein Land durch den Zweiten Weltkrieg zu führen hatte, sollte keine Schwäche zeigen.

Und dies ist der Waldorf-Salat, vermutlich das bekannteste Gericht, das je in der Küche des o.g. Hotels von Chefkoch Oscar Tschirky kreiert wurde. Man nehme säuerliche Äpfel und rohen Knollensellerie, der in feine Julienne-Streifen geschnitten wird, vermengt dies mit gehackten Walnusskernen und mit einer leichten Sauce Mayonnaise. Abgeschmeckt wird mit etwas Zitronensaft und Cayennepfeffer. Der Waldorfsalat gehört zu den Klassikern der Salatküche und steht in unserer modernen Zeit gerne im Kühlregal der Lebensmittelmärkte - zwischen Farmer- und rotem Heringssalat.

Da bekommt man Appetit. Und Durst. Wissensdurst, nicht wahr?! Denn, so fragt man sich unwillkürlich, warum tragen ein Hotel in Amerika und eine leckere Feinkost den gleichen Namen wie die derzeit begehrtesten Privatschulen  in der ganzen Welt?

Die Lösung des Rätsels liegt hier...
...in Walldorf im Süden Baden-Württembergs. Überregional bekannt ist Walldorf heute nur durch das gleichnamige Autobahnkreuz. Aber am 17. Juli 1763 wurde dort Johann Jakob Astor geboren. Schon als junger Mann zog es ihn freilich in die Ferne. Er emigrierte in die USA, kam dort praktisch mittellos an und wurde dennoch vom Straßenfeger zum Musikalienhändler und schließlich durch Pelzhandel und Immobilien zum reichsten Mann der Welt. Sein Urenkel war John Jacob Astor IV, der beim Untergang der Titanic ums Leben kam - wie übrigens die meisten Reisenden der Ersten Klasse, weil diese sich weigerten, mit normalen Proleten der Klasse 2 und 3 das Schiffsdeck oder gar ein Rettungsboot zu teilen. Aber dies nur am Rande. Zuvor hatte John Jacob Astor der Vierte allerdings mit seinem Onkel William Waldorf Astor, einem Enkel von Johann Jakob, das Waldorf-Astoria Hotel gegründet. Daß William den zweiten Namen Waldorf bekommen hatte, zeigt, wie eng die Astors sich noch in dritter und vierter Generation mit der Heimatstadt des Familiengründers verbunden fühlten.

Interessant, nicht wahr?! Allerdings sind wir immer noch nicht in der Waldorf-Schule angekommen... Dazu müssen wir wieder zurück gehen ins Schwäbische. Am 1. Januar 1906 gründete der Schwabe Emil Molt in Stuttgart die Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Der Name war aber wohl viel mehr als eine bloße Hommage an den großen Sohn der Region. Man vermutet, daß die Tabakwarenfirma als Teil des weitverzweigten Handels- und Wirtschaftsimperiums der Astors entstand. Anders wäre es wohl auch kaum zu erklären, wie sie diesen, schon damals so renommierten Markennamen erhalten konnte. Noch heute schmückt das Portrait von Johann Jakob Astor die Packung der Marke Astor (die mittlerweile von Reemtsma hergestellt wird).

Eines Tages beauftragte Emil Molt, der Chef der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, einen gewissen Rudolf Steiner, er möge sich ein wenig um die Fortbildung der einfachen Arbeiter kümmern. Steiner war ein östereichischer Esoteriker und Philosoph. Er hatte die sogenannte Anthroposophie, eine gnostische Weltanschauung begründet und auf Grundlage dieser Lehre einflussreiche Anregungen für verschiedene Lebensbereiche, etwa Pädagogik, Kunst (Eurythmie), Medizin (Anthroposophische Medizin) und Landwirtschaft (Biologisch-dynamische Landwirtschaft) entwickelt. Bald kam Steiner zu dem ernüchternden Schluß, daß bei der geistigen Bildung der erwachsenen Arbeitern wohl nicht mehr viel zu machen sei. Man beschloß, künftig lieber gleich bei den Kindern der Firmenangehörigen anzusetzen. Und so wurde am 7. September 1919 in Stuttgart die erste Waldorfschule als eine Betriebsschule für die Sprößlinge der Arbeiter und Angestellten dieser Fabrik gegründet. Steiner machte die Schule zum Ausgangspunkt der anthroposophischen Waldorfpädagogik und übernahm die Ausbildung und Beratung des Lehrerkollegiums. Bis zu seinem Tod im Jahr 1925 war er spiritus rector der Schule. 

Diese Astoria-Betriebsschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe, Modell für alle späteren Waldorfschulen, war schulgeschichtlich die erste Einheits- bzw. Gesamtschule Deutschlands. In den folgenden Jahren wurden weitere Waldorfschulen in Deutschland und im Ausland begründet. Bereits 1928 bestanden Schulen unter anderem in Basel, Budapest, London, Lissabon und in New York. Danke, Familie Astor. Danke, Herr Steiner. Bei der Erziehung der eigenen Brut die Waldorfschule an der Seite zu wissen, ist heutzutage ein sehr beruhigendes Gefühl.

24.08.2010

Lektion 8: Disco

Disco. Where The Happy People Go! (The Trammps)

Paris. In Les Bains Douches. Der Abend näherte sich schon dem Morgen. Für üppige 600 Francs hatte der DJ zwei ganz frische 90er-Musicassetten zum Mitnehmen 'rausgerückt. Ich setzte mich erschöpft und zufrieden auf eine der riesigen Boxen und ließ die Tanzbeine baumeln.

Ob dieses Anblicks der Seligkeit schenkte mir die Frau an meiner Seite am nächsten Tag "Der kleine Prinz". Und heiratete mich ein paar Jahre später. Den Abend in der damals wohl heißesten Discothek der Welt (mit der härtesten Tür, aber es gab einen Trick) nahm ich trotzdem als Schlußpunkt an, denn es kommt der Tag, da soll der Gentleman nicht mehr auf Tanzflächen mit denen fraternisieren, die eigentlich gar nicht seine Brüder und Schwestern sein könnten. Gleich wie.

Natürlich, auch für Erwachsene gibt es Clubs mit der Option, ein Tänzchen zu wagen. Aber warum hat denn der Ritz-Club an der Place Vendôme nun sporadisch die Pforten geschlossen? Weil es ein Bordell war. Punktum. Annabel's am Berkeley Square, wo ja bekanntlich einst sogar die Nachtigall sang ("A Nightingale Sang in Berkeley Square"), ist ein Pfuhl, wo alle Todsünden gleichzeitig begangen werden - von Sugardaddies, die nicht wirklich Sexyness versprühen. Und übrigens: auch das Pariser Les Bains Douches ist mittlerweile geschlossen. Roman Polanski hat als Letzter die Tür zugemacht.

Mein Plädoyer: Laßt die Discos, die Clubs den Kindern. Nur sie sehen sympathisch aus, wenn sie ekstatisch zum Rhythmus zucken. Wie schon Norman Mailer wußte: "Echte Männer tanzen nicht". Aber was ist mit den süßen Frauen in der Disco?, höre ich den Leser jetzt zwischenrufen. Zugegeben: schweißnasse, begnadete Körper in verrutschten Tank Tops - das ist schon ein hübscher Anblick. Aber Mann mache sich nichts vor. Die Biester wollen alle nur das eine. Nein, nicht das eine, das andere: Coks (Merke: Coks schreibt man mit "C").

23.08.2010

Lektion 7: Stehgeiger

Von links: der Konsul der Republik Benin, ein anonymer Stehgeiger, die erste Frau von Max Grundig, die Anneliese, und der Stilbestimmer im Salle Empire, im Hotel de Paris, Monte Carlo

Es war ein romantischer Abend im L'Espadon, dem atemraubend schönen Restaurant des Hotel Ritz, das damals noch nicht von uneleganten Ostgoten überschwemmt wurde. Zum Spargel - fünf pralle Stangen von den Feldern des Landes serviert mit einer Sauce Mousseline - stellten die Kellner eine Schale mit warmen Wasser auf den Tisch. Zum anschließenden Waschen der Finger: Spargel ißt man nämlich mit der Hand! Das wissen heute die wenigsten, denn im Sansibar in Rantum/Sylt lernt man so etwas natürlich nicht.

Nach der Vorspeise traten die zwei Stehgeiger des Hauses endlich auch an unseren Tisch und verwöhnten die Ohren mit dem Thema aus Der Pate. Das zweite Musikstück mögen wir uns wünschen, bat man uns höflich. Doch uns stand der Sinn nach einer Überraschung. Die Künstler warfen sich einen kurzen Blick zu und setzten an... Und schon erklang sie, die so vertraute Melodie, die Frankie (mit einem Text von Paul Anka) zu einer universellen, sentimentalen Hymne gemacht hat: "My Way".

Das verblüffende an diesem musikalischen Appetithäppchen: Erst wenige Wochen zuvor hatte ich das Stück als einsames Saxophonsolo gehört - am Grab auf der Beerdigung meines Vaters. Es war sein letzter Wunsch... In diesem poetischen Moment im Ritz schämte ich mich meiner Tränen nicht und blinzelte hinauf zum blattgoldgefaßten Deckenfresco.

Die Küche des L'Espadon hat zwei Sterne im Guide Michelin und 17 Punkte im Gault Millau. Einen Führer, der die Stehgeiger eines Restaurants und die silbernen Spargelzangen von Christofle bewertet, gibt es bis heute nicht.

L'Espadon, Hotel Ritz, Paris

08.08.2010

Lektion 6: Rolls-Royce



Ich war einst stolzer Fahrer und Besitzer - leider nicht auch "Eigentümer" - eines Rolls-Royce Silver Cloud II LWB (long wheel base mit Trennscheibe). Ein perfekt erhaltenes Exemplar, Vorbesitzerin Queen Elizabeth The Queen Mother. Ein väterlicher Freund hatte das Fahrzeug in London gekauft, bevor ihm einfiel, daß er gar keinen Führerschein hatte. Der Rolls wollte aber bewegt werden, und so... gab er ihn mir!

Eines schönen Tages fuhr ich in diesem Silver Cloud mit der lieben Mutter - Gott hab' sie selig - nach Sylt. An der Verladestation in Niebüll bedeutete mir ein Bundesbahnmitarbeiter in gewohnt reduzierter Gebärdensprache, daß ich mit meinem Dickschiff keinesfalls wie jeder normale PKW-Fahrer einfach auf den doppelstöckigen Autozug rollen könne... Stattdessen sollte mein Platz auf dem offenen Pritschenwagen sein - neben LKWs und Gespannen mit Wohnwagen. Genau dazwischen reihte ich den Ex-Rolls von Queen Mum ein...

Und da sah ich sie, oder besser: es - einen RR Silver Cloud III (!) mit Mannheimer Kennzeichen, am Steuer eine attraktive Dame um die fünfzig und auf dem Sozius die umso attraktivere Tochter von etwa zwanzig. Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, ist wesentlich größer, als die, in einem von zwei RR Silver Cloud auf demselben Pritschenwagen nach Sylt zu sitzen (ist seitdem wohl nie wieder vorgekommen - und heute fährt alles Cayenne oder Panamera)...

Madame hatte arge Probleme, ihr Auto rückwärts (!) auf den Zug zu bugsieren. Sie war im Begriff, schier zu verzweifeln. So löste ich mich von meinem Volant, um dem Damen-Duo galant beizuspringen. Ich stellte zunächst mich artig vor - und danach deren Karre in einem eleganten Schwung, der den geborenen Rolls-Royce-Fahrer verriet, im Rückwärtsgang auf den Wagon! In diesem Moment hätte ich alles haben können: Mutter, Tochter, die Fabrik des Vaters wahrscheinlich auch noch, hätte ich nur darum gebeten. Doch stattdessen beließ ich es bei einer d'artagnanesken Verbeugung und empfahl mich stets zu ihren Diensten... Seit jenem Tag an der Autozugverladestation in Niebüll weiß ich, wie Triumph schmeckt. Süß!

25.05.2010

Lektion 5: Signs

Lido di Venezia

Es gibt durchaus Angehörige des männlichen Geschlechts, die schmücken ihr Exterieur mit Schriftzeichen wie "1a Martina" oder Symbolen wie martialischen Säbeln, die entfernt an die Flagge der Korsaren aus St. Malo erinnern. Aber eben nur entfernt. Manche tragen auf dem Rücken eine Nummer, und wenn diese z.B. innerhalb Hannovers die 96 wäre, würde sich auch keiner was dabei denken. Ist es aber meist nicht.

Der Gentleman kennt nur ein Monogram, außer seinem eigenen, zu dem er gelegentlich greift: Das LV, das 1896 (sic!) von Louis Vuittons Sohn, Georges Vuitton (1857–1936), kreiert wurde. Die Monogramm Canvas Linie ist ein Klassiker fürs Leben.

In den Cabanas - den privaten Strandhütten - des Hotel Excelsior am Lido di Venezia kann man das famose Reisegepäck sogar "am Platz" erwerben. Zu durchaus räsonablen Preisen - jedenfalls verglichen mit den Mietgebühren, die für die schmucken Badehäuschen aufgerufen werden. Diese kosten pro Tag nämlich soviel, wie andere Familien im benachbarten Jesolo für vier Personen in einer Woche - all inclusive - ausgeben. Die obskuren LV-Lederwaren hingegen kommen an diesem Strand zu Preisen wie beim Takko auf den Markt. Und ein Experte (Repräsentant eines Münchner Lederwarenherstellers mit dem A in Hufeisenform) versicherte uns glaubhaft, daß das typisch monograme Textilmaterial sogar original aus italienischen Fabriken stammte, welche für Louis Vuitton fertigen.

Wie auch immer... Uns hat das Schatten-Shopping stets Spaß gemacht. Wenn wir auch alle Einkäufe zuhause wieder verschenkt haben. Kopien sind peinlich.

19.05.2010

Lektion 3: Die Polizei

Kam die Polizei, ja was ist denn das? Das ist die Kehrseite der Medaille: Unter Alkoholeinfluß schlägt der Gentleman mitunter über die Stränge. So sieht es jedenfalls das Bürgertum, der Michel.

Wer arretiert wird, trägt am besten: Blazer von Chester Barrie, Binder von Ralph Lauren, Hose von Incotex und Schuhe von Alden.

Lektion 2: Malt

Der Gentleman trinkt... - na, was wohl - Single Malt Whisky. Aber nie vor 10 Uhr morgens! Hier zeige ich in der Spirituosenecke meines Weinkellers einige schöne Sorten vor. Hard-Core-Fans bevorzugen die Malts von der Insel Islay (sprich: Eila). Die extrem torfhaltige Nase gemahnt an das Anästhätikum Äther, das die älteren Leser unter Ihnen noch kennen...

Aber auch hier, wie bei der Wahl des Weins, des Einstecktuchs oder der Autofelge gilt: bloß kein Geschiß! Keine Seminare oder Predigten. Einst trank ich mich durch die preislich und thematisch sehr diversifizierte Whisky-Karte des Inverlochy Castle, dem exklusivsten hide-away in den schottischen Highlands, und fand beim Check-Out auf der Rechnung lediglich die Notiz: 8 x Bar a 5 Pfund. Da begriff ich - wie Jahre zuvor beim Flaschendrehen in einem Zwei-Sterne-Resto in Bordeaux -: Firlefanz ist nur was für Touristen...

Bloß keine Aufregung. Der Gentleman bestellt bei seinem Italiener "eine Flache trockenen, italienischen Weißwein". Und keinen Pinot blubb vom Winzer blabla aus dem Jahrgang dings. Denn merke: Deine Befindlichkeiten aller Art interessieren niemanden. Das gilt für eingebildete Krankheiten wie für angelesene Wein-Präferenzen.

Beim Nosing (Foto) trage ich einen Anzug von Kiton (bespoke), ein Hemd von Barba (bespoke) und einen Binder von Kiton.

18.05.2010

Lektion 1: Bar

Willkommen im ersten kompetenten Stil-Berater im elektronischen Netz. Hier erfahren Sie alles, was Sie wissen müssen, um als perfekter Gentleman durch die Welt zu spazieren. In unserer ersten Lektion beginnen wir mit dem Ort, wo Gentlemen sich gemeinhin aufhalten: Die Bar.

Wie das geübte Auge sieht, stehe ich nicht vor, sondern hinter der Bar! Warum? Nun, was gezapft oder kredenzt wird, bestimmt der wahre Gentleman immer noch selbst. Was ich trage? Sakko von Chester Barrie, Hemd von Ralph Lauren Purple Collection, Krawatte von Mariano Rubinacci und natürlich eine Krawattenspange von London Badge and Button Co.

Und morgen erfahren Sie an gleicher Stelle, was der Gentleman trinkt in einer Bar. A demain, wie der Franzose sagt!